Die Regierung der Kanarischen Inseln hat am Montag öffentlich kritisiert, dass der spanische Staat seit 116 Tagen keinen minderjährigen Migranten aufgenommen hat. Nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs, das den Staat verpflichtet, einen Teil der unbegleiteten minderjährigen Migranten auf dem Archipel zu übernehmen, blieb bisher jede Überstellung aus. Die Kanaren betreuen weiterhin allein mehr als 5400 Minderjährige, während mit dem Wechsel der Jahreszeit ein erneuter Anstieg der Migration erwartet wird.
Alfonso Cabello, Sprecher der Regionalregierung, kündigte an, dem Obersten Gericht schriftlich die „nicht erfolgte Umsetzung“ des Urteils mitzuteilen. Er betonte, dass die gesetzlichen Grundlagen und Mechanismen bereits seit Wochen in Kraft seien. „Keiner dieser asylsuchenden Minderjährigen wurde vom Staat übernommen. Die Situation ist exakt wie am ersten Tag“, erklärte Cabello nach der Sitzung des Regierungsrats.
Minderjährige Migranten auf den Kanaren: Keine Überstellung durch den Staat
Cabello warf dem Staat nicht nur ein technisches, sondern auch ein politisches Versagen vor. Er kritisierte, dass Fristen ausgedehnt und keine wirksamen Protokolle umgesetzt würden, obwohl es öffentliche Zusagen gebe. Seiner Ansicht nach blockiere der fehlende politische Wille schnelle Lösungen für schutzbedürftige Minderjährige, die unter prekären Bedingungen lebten.
Auch der Präsident der Kanaren, Fernando Clavijo, äußerte sich am Montag bei einem öffentlichen Termin im Hospital Materno Infantil in Las Palmas de Gran Canaria. Er räumte ein, dass „kleine Fortschritte“ erzielt worden seien, etwa durch die Verabschiedung einer staatlichen Verordnung und eines Dekrets zur Aufnahmekapazität. Dennoch stehe „noch ein harter Weg“ bevor, um eine echte Lösung zu erreichen.
Staatliche Zusagen bleiben aus – Kanaren fordern Umsetzung
Clavijo betonte: „Wir warten seit Monaten. Das Gesetz ist verabschiedet, aber wenn es nicht umgesetzt wird, bleibt es wirkungslos.“ Er kritisierte, dass weder Plätze geschaffen noch Ressourcen zugewiesen oder das Gerichtsurteil erfüllt worden seien. Die Antwort des Staates und mehrerer Regionen sei völlig unzureichend.
Der Präsident zeigte sich zudem skeptisch gegenüber dem vom Zentralstaat genannten Starttermin am 28. August für die Überstellungen. „Die Erfahrung zeigt, dass Fristen im Bereich Migration selten eingehalten werden“, sagte Clavijo. Gleichzeitig warnte er, dass im September wegen günstigerer Seebedingungen wieder mehr Migranten auf dem Seeweg ankommen könnten, was den Druck auf das Aufnahmesystem weiter erhöhen würde.
Kanaren pochen auf Solidarität und rechtliche Umsetzung
Die Regionalregierung betont, dass die Kanaren ihre gesetzliche und moralische Pflicht erfüllen, jedoch nicht weiter allein bleiben können. Clavijo und Cabello erinnerten daran, dass das Urteil des Obersten Gerichts den Staat zum Handeln verpflichtet und nach der Reform des Ausländergesetzes alle rechtlichen Mittel vorhanden seien. „Es geht nicht um Zuständigkeiten, sondern um Menschlichkeit und Gerechtigkeit“, so Clavijo.
Parallel arbeitet das Sozialministerium an einem neuen technischen Bericht, der die Mitteilung an das Gericht begleiten soll. Darin werden aktuelle Zahlen zur Überlastung der Ressourcen und zur Entwicklung der Ankünfte seit Jahresbeginn enthalten sein.
Mit mehr als 5400 Minderjährigen unter staatlicher Obhut richtet die Regierung der Kanaren erneut den Blick der Nation auf eine ungelöste Krise. Präsident Clavijo betonte, dass diese Krise weder beendet noch kurz vor einer Lösung stehe.






